Von einer die auszog, um etwas über Führung zu lernen

Eine Teilnehmerin aus einem Seminar zum Thema Führung berichtet.

Fünf vor neun. Der Raum ist hell und modern. Eine große Glasfront öffnet den Blick auf die Dachterrasse, doch das Wetter spielt leider nicht mit.

Eine zierliche Frau mit freundlichen Augen stellt sich vor. Celina Schareck heißt sie und ist heute unsere Dozentin. „Ich bin kein Freund großer und ausufernder Vorstellungsrunden, daher würde ich es begrüßen, wenn sich jeder einfach kurz vorstellt und mir sagt, was er heute hier erwartet.“ Als Teamleiterin eines mittelständischen Unternehmens möchte ich im Seminar zum Thema Führung lernen, wie ich meine Mitarbeiter stärker motivieren kann. Wie ich sie zu einer Einheit zusammen bringe und wir alle ein produktives und vertrautes Miteinander pflegen.

Frau Schareck macht sich Notizen zu allen Vorstellungen und beginnt mit dem Seminar.

Vor uns liegt ein dickes Skript, 40 Seiten schwer – und sieben Stunden Seminar. Das wir uns offensichtlich in einer Zeitkapsel fernab von jedem Gefühl für die Uhr befinden, war uns an dieser Stelle noch nicht klar.

„Als Führungskraft müssen Sie eigentlich zwei Berufe lernen. Ihren eigentlichen und das Führen.“

Vermittler, Bestimmer, Zuhörer, manchmal auch Gedankenleser, Gefühlserkenner, Motivator, Schlichter, Vertrauensperson, Kapitän. Als Führungskraft bin ich nicht nur das Bindeglied zwischen der Geschäftsführung oder meinem nächsten Vorgesetzten und meinem Team, trage nicht nur Pläne und Projektideen weiter, sondern bin auch dafür verantwortlich, individuelle Arbeitsprozesse zu bewerten, Kritik und Lob zu üben, Stärken und Schwächen zu erkennen und in die Schritte eines Projektes zu integrieren. Das erfordert Menschenkenntnis und ein Gefühl für verschiedenste Charaktere. Kann man das lernen? Man kann. Und Frau Schareck erklärte uns wie.

Worin bestehen denn die Trends mit denen ein Unternehmen heutzutage kämpfen muss? Welche Unterschiede bestehen zwischen Führung damals und heute? Zwischen dem Umgang mit meinen Mitarbeitern und Bewerbern damals und heute? Und vor allem: Wie können wir damit dealen?

Alle wollen mehr Freiheiten, arbeiten für eine „coole“ Marke, niedrige Hierarchien und ein anregendes Umfeld.

In einem kurzen Rollenspiel soll ich eine Konfliktsituation managen. Ein Kritikgespräch mit einem Mitarbeiter. Es geht um sein Verhalten in einem Meeting. Die Situation ist gestellt, keine Frage.

Doch ich bin echt. Sehr echt. Zugegebener Maßen fällt es mir nicht leicht, eine lückenlose Analyse über mich ergehen zu lassen, muss im Nachhinein jedoch feststellen: Es war Gold wert. Da denke ich, einen guten Kompromiss gefunden zu haben, mich behauptet zu haben, ohne unfreundlich zu sein. Bestimmend freundlich. Was ich aber in Wirklichkeit war: Weich, unsicher, klein und alles andere als standfest. 55% Körpersprache, Gestik und Mimik, 38% Tonfall und Stimme, Ausdruck und Lautstärke und 7% Inhalt. Erschreckende Zahlen, die einiges, wenn nicht alles erklären. So halte ich von jetzt an den Blickkontakt beständiger, lasse mein Gegenüber reden und rege über gezieltes Fragen an, dass mein Mitarbeiter sein eigenes Verhalten reflektiert, überdenkt und Verbesserungsvorschläge bringt. Information ist Wissen und Wissen ist Macht. Die Macht, die ich als Führungskraft behalten und positionieren muss. Nur wenn ich selbst dazu in der Lage bin, sicher aufzutreten, meinen Standpunkt zu bestimmen, zu halten und durchzusetzen, kann ich auch mein Team sicher führen. Dann wird es sich mir anschließen und sich führen lassen. Das hat mir diese kurze Videoanalyse durch Frau Schareck gezeigt.

Richtiges Führen muss sich entwickeln. Das ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Und ein Patentrezept für alle Führungskräfte dieser Welt gibt es nicht. Die Kunst besteht darin, seine Mitarbeiter zu lesen und seinen Stärken entsprechend in das Umfeld zu ordnen. Das Handwerkszeug dafür lieferte mir Frau Schareck. In die Testphase mit meinem Team gehe ich nun allein und ich freue mich darauf.

Das Skript, meine Bibel fast, blättere ich noch jetzt ab und an durch, wenn ich auf der Suche nach Zitaten, Beispielen und Modellen bin, welche mir bei der Umsetzung meines Ziels – einem motivierten Team – helfen.

Vielen Dank Frau Schareck für dieses intensive Seminar. Ich habe an Ihren Lippen gehangen und die Zeit vergessen. Mein Kugelschreiber hat geglüht und meine Augen, die leuchten noch immer.

Danke für Ihr Verständnis, Ihre Anregungen, Ihre Geduld und Ihren Humor.

Foto: unsplash